
Bildtitel: Insel
Autorin: Dipl. med. Ulrike Ludwig, Ärztin
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Dieser Artikel ist eine Fortsetzung des Artikels „Bin ich verrückt?“ und befasst sich vor allem damit, wie traumatisierte Menschen Stabilität und mehr Gesundheit erreichen können. Er fokussiert somit auf die Phase der Stabilisierung im Rahmen der Traumatherapie. Ich versuche im folgenden, basierend auf den im vorausgehenden Artikel beschriebenen neurobiologischen Veränderungen und resultierenden Symptomen, zu erläutern, welche Lernschritte gemacht werden müssen, welche Therapieverfahren dabei helfen können und warum. Die Nummerierung impliziert keine Priorität oder Reihenfolge der Abarbeitung. Die Lernaufgaben sind eher zum Teil eng miteinander verwoben und ergänzen sich.
Auch dieser Artikel dient nur als Grundlage für die individuelle Arbeit des traumatisierten Menschen mit seiner Therapeutin. Welcher der unten beschrieben Bereiche nun für Sie persönlich primär wichtig sind und mit welchen Methoden Sie daran arbeiten möchten, ist im gemeinsamen Gespräch mit Ihrer Therapeutin zu besprechen.
Eine
der wichtigsten Aufgaben am Anfang einer Traumatherapie erscheint
mir die Vermittlung eines detaillierten Wissens an die Patientin
über ihre Erkrankung, die Ursachen, Folgen und Begleitumstände.
Sie muss zur Expertin ihrer Erkrankung werden. Sie muss wissen, was
ein Trauma von einer belastenden Situation unterscheidet, was beim
Erleben eines Traumas neurobiologisch passiert (auch welche
Langzeitveränderungen es gibt) und wie sich diese Veränderungen
in Form von Symptomen äußern. Sie muss beim Auftreten von
Symptomen bei sich möglichst genau identifizieren können,
was dies gerade für ein Phänomen ist und wie es entsteht.
Dies bildet die Grundlage dafür, ein Gefühl von
Eigenkontrolle über das eigene Leben zurückzuerlangen.
Häufig erleben die betroffenen Menschen die auftretenden
Symptome als überwältigend und zutiefst beängstigend.
Sie haben keinen Einfluss darauf, was da mit ihnen passiert. Dies
führt zu einem wiederholten Gefühl von Ohnmacht und
Kontrollverlust, ist damit potentiell retraumatisierend und
verschlimmert die ohnehin schon eingetretende Störung der
Informationsverarbeitung im Gehirn.
Des weiteren bildet das
detaillierte Verständnis der Patientin die Grundlage dafür,
Strategien zu entwickeln, wie sie in Zukunft mit den verschiedenen
Symptomen (z. B. Flashbacks) umgehen und die Häufigkeit ihres
Auftretens ggf. reduzieren oder sogar verhindern kann.
Die Gesamtspannung in einem traumatisierten Menschen ist auch ohne zusätzliche Belastungen chronisch erhöht (siehe Abschnitt „Symptome - Hyperarausal“). Das interne Stresssystem („Interne Abteilung für Stressverarbeitung“) ist also auch ohne zusätzliche Aktivierung in einem permanenten erhöhten Aktivitätszustand. Es ist daher völlig logisch, dass auch geringe zusätzliche Belastungen zu einer Überforderung des Gesamtsystems und damit zu Symptomen (z. B. Impulsdurchbrüchen, Flashbacks, Dissoziation) führen. Wesentliches Ziel ist es deshalb, den Grundlevel der inneren Anspannung zu reduzieren. Hierzu gibt es viele Möglichkeiten und letztendlich muss jeder ausprobieren, was für ihn stimmig und hilfreich ist. Die gängigsten Möglichkeiten sind klassische Entspannungsverfahren (z. B. Progressive Muskelrelaxation, Qi Gong, Autogenes Training), Imaginationsverfahren, körperliche Betätigung (z.B. Sport, spazieren gehen), Malen, angenehme Dinge hören (z. B. Musik, Entspannungs-CDs) und Dinge tun, die man gern macht.
Die meisten traumatisierten Menschen (im Übrigen
auch viele nicht traumatisierte Menschen) haben kaum ein Gefühl
für sich selbst und ihren Körper. Es fällt ihnen
schwer wahrzunehmen, was in ihnen gerade los ist, wie stark sie
unter Spannung stehen, welche Gefühle gerade da sind, wie sich
ihr Körper anfühlt, wo ihre Grenzen sind und vieles mehr.
Die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung ist aber eine wesentliche
Fähigkeit, die jeder Mensch braucht, um gut für sich zu
sorgen und auch Beziehungen erfolgreich gestalten zu können.
Ein erster wichtiger Teil der Selbstwahrnehmung, der zu erlernen
ist, ist die Aufmerksamkeit für den eigenen inneren
Spannungszustand. Dies ist nämlich die Voraussetzung dazu, dass
man lernt, den eigenen Spannungslevel zu regulieren und
„herunterzufahren“ (siehe Punkt Gesamtspannung reduzieren). Hilfreich, besonders
in der ersten Zeit, sind dabei Spannungstagebücher, in denen
die Betreffende täglich mehrfach notiert, wie es ihr im
jeweiligen Moment spannungsmäßig geht. Diese Notizen kann
man dann erweitern um Informationen wie: Was war gerade los? Welche
Symptome waren da (z. B. Dissoziation)? Was habe ich getan um die
Spannung zu reduzieren?
Andere wichtige Elemente in dieser Rubrik
sind das Erlernen und regelmäßige Anwenden von
Aufmerksamkeitsübungen und das ständige wahrnehmen und
einhalten von eigenen Grenzen und Bedürfnissen. Hierzu gehört
auch die Klärung der Frage: Was tut mir gut und was nicht?
Ebenfalls geht es um die Verbesserung der Wahrnehmung und
Differenzierung eigener Gefühle. Unterstützende Verfahren
sind in diesem Zusammenhang z. B. körperorientierte Verfahren
wie KBT (Konzentrative Bewegungstherapie), Qi Gong und andere
nonverbale Verfahren (z. B. Werktherapie, Musiktherapie).
Dieser Punkt steht in enger Verbindung mit dem Punkt „Selbstwahrnehmung verbessern“. Es geht hier darum, mehr Verständnis und Kontakt zwischen den einzelnen Teilen in uns zu schaffen. Alle Menschen haben verschiedene Anteile in sich. Ich glaube Goethe war’s der sagte „zwei Seelen in meiner Brust“. Zum Beispiel will ich irgend etwas ganz stark und gleichzeitig macht es mir Angst oder etwas spricht in mir total dagegen. Das ist normal und geht allen Menschen so. Je schwieriger die Vergangenheit (insbesondere Kindheit) und je mehr traumatisierende Situationen erlebt wurden, umso mehr entfernen sich die Anteile voneinander, um im Extremfall eigene Persönlichkeiten zu werden. Das Ganze ist ein fließender Übergang von „gut verbunden“ bis „gespaltene Identität“. Jeder Mensch befindet sich irgendwo auf dieser Linie. Traumatisierte Menschen befinden sich meist mehr in Richtung Trennung. Aufgabe in der Therapie ist es nun, die einzelnen und zum Teil sehr widersprüchlichen Teile in sich kennen zu lernen und miteinander „ins Gespräch“ zu bringen. Bei der Identifikation der Anteile können zum Beispiel ein Tagebuch oder selbst gemalte Bilder helfen. Man erlernt mit der Zeit Strategien (z. B. Imaginationsübungen), um die einzelnen Teile kennen zu lernen und mit ihnen in Kontakt zu treten.
Gerade
traumatisierte Menschen haben in der Regel nicht gelernt, wie sie
achtsam und liebevoll mit sich selbst umgehen können. Ja -
teilweise scheint es so, als würden sie sich dies selbst nicht
erlauben können. Ohne Selbstfürsorge ist eine Heilung aber
nicht möglich. Sie ist ein wichtiger Faktor um
Selbstverantwortung für das eigene Leben und die eigene
Gesundheit zu übernehmen. Es gilt herauszuarbeiten, was dem
betroffenen Menschen gut tut und wie er es sich (möglichst
selbst) geben kann. Hilfreich zur Selbstfürsorge sind unter
anderem Imaginationsübungen (z. B. Sicherer Ort, Innerer
Garten, Lichtübung). Hierdurch können positive Gefühle
wie Sicherheit, Geborgenheit, Ruhe, Glück, Trost erlernt,
verstärkt und in die Realität übernommen werden.
Auch geht es darum, die eigenen Grenzen zu erkennen (manchmal
sogar erst zu verstehen, dass man so etwas haben darf und muss) und
zu lernen, diese Grenzen nach außen und nach innen zu wahren
(nach außen zum Beispiel durch „Nein“ sagen, nach
innen zum Beispiel, indem man stets darauf achtet, wo man sich
selbst überfordert und man sich dann rechtzeitig selbst
stoppt).
Findet man bei der „Selbsterforschung“
verletzte innere Kinder, geht es darum zu erlernen, wie man diese
(imaginativ) an einen guten Ort bringen, sie trösten und gut
versorgen kann. Hierbei können innere Helfer eine wichtige
Rolle spielen.
Möglich frühzeitig müssen Strategien
erarbeitet werden, um mit psychischen Krisen gut umzugehen (dazu
zähle ich auch Intrusionen und ähnliche Symptome). Jeder
Betroffene sollte einen „Notfallkoffer“ entwickeln, in
dem klare Hilfsmittel für Krisensituationen liegen. Dazu
gehören abgestufte Strategien zum Spannungsabbau (Skills), gut
eingeübte Reorientierungstechniken und Techniken zur
Distanzierung von Intrusionen, belastenden Gedanken und Gefühlen
(z. B. Filmstopptechnik und Tresorübung), sowie Adressen und
Telefonnummern von Freunden, Therapeut und ggf. auch einer Klinik an
die man sich wenden kann. Letzteres gilt vor allem für Krisen,
in denen Suizidalität oder Selbstverletzung im Spiel sind.
Hierfür muss es klare und verbindliche Absprachen geben.
Ein
weiteres Thema ist die Identifikation von Trigger. Diese müssen
Schritt für Schritt erkannt werden. Für jeden Trigger ist
zu klären, wie man ihn möglichst vermeidet oder besser
mit ihm umgehen kann.
Viele Menschen wehren sich gegen eine Medikation, insbesondere mit Psychopharmaka. Es gibt diverse (zum Teil auch sehr begründete) Ängste vor Abhängigkeit, Abgestumpftheit, Nebenwirkungen und vieles mehr. Prinzipiell sollte man gerade bei traumatisierten Menschen (insbesondere bei Menschen mit einer Dissoziativen Persönlichkeitsstörung) möglichst keine Medikamente einsetzen. Ist der Betroffene aber so von seinen Symptomen gequält und beeinträchtig, das ein Suizid, massive Selbstverletzung oder psychisches „Auseinanderfallen“ und Psychose die Alternativen sind, oder das er dadurch (z. B. massive Ängste und Depression) nicht mehr an sich arbeiten kann (psychotherapieunfähig ist), dann sollte über eine unterstützende Medikation nachgedacht werden. Letztendlich sollte dies aber immer eine gemeinsame Entscheidung zwischen Patientin und Therapeutin sein.
Zusammenfassend möchte ich sagen, dass es sich bei den meisten traumatisierten Menschen um einen langen und beschwerlichen, aber auch sehr lohnenswerten Weg zur Heilung handelt. Man weiß inzwischen, dass bei vielen Traumatisierten eine Traumaexposition im Verlauf nicht mehr erforderlich ist, da bereits durch die Stabilisierungsphase ausreichend Stabilität, Leistungsfähigkeit und Lebensfreude erreicht werden kann. Welcher Weg der Ihre ist? Nun, das vermag ich nicht zu sagen. Er wird sich in Ihrer Therapie, in hoffentlich vertrauensvoller Beziehung zu Ihrer Therapeutin, entwickeln. Dafür wünsche ich Ihnen viel Mut, Kraft und eine nie vergehende Hoffnung.
Ulrike Ludwig