
Bildtitel: Vertrauen
Autorin: Dipl. med. Ulrike Ludwig, Ärztin
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Es war einmal ein kleines Volk, welches in den hohen Bergen der Geheimnisse lebte. Dieses Land in den Bergen war ein Land voller Unterschiede und Widersprüche. Zu großen Teilen war es karg und kalt, voller Not und Gefahren. Große Teile der Berge waren sehr oft von dicken Nebelschwaden umhüllt, die schützend aber auch sehr bedrohlich wirkten - verhüllten sie doch auch tiefe Schluchten, scharfe Felsgrade, drohende Steinlawinen und sumpfiges Gelände.
Aber es gab auch Bereiche voller Frieden, Ruhe und Schönheit. Da waren die vom Wind geschützte Stellen und Täler mit satten, grünen Wiesen und Äckern, Bereiche voller blühender und z. T. einzigartiger Blumen, wunderschöne kleine Häuser und nahezu unbeschwertes Leben. Man konnte in diesem Land die schönsten Sonnenauf- und –untergänge, gigantische Regenbogen und kraftvolle Wasserfälle bewundern. Es gab Unmengen kleiner, glasklarer Bäche und wunderschöne dichte Wälder, die zum spazieren gehen einluden.
In diesem Gebirgsland lebten unter anderem viele Tiere - kleine und große, friedliche, scheue aber auch sehr gefährliche. Zwischen den Felsspalten und in den Wäldern lebten außerdem zahlreiche Geister und wundersame Wesen – liebevoll und beschützende Geister; freche Waldgnome, die den ganzen Tag nichts Besseres zu tun hatten, als Schabernack zu treiben; es gab scheue Wesen, die sich nie oder nur höchst selten zeigten und eigentlich wusste keiner ganz genau, ob es sie überhaupt gab, oder ob das alles nur Geschichten waren. Aber es gab auch machtvolle und zerstörerische Geister, die in den Bergen der Geheimnisse ihr Unwesen trieben. Manche von ihnen hatten die Aufgabe – wie andere Wesen auch – die Geheimnisse der Berge zu hüten. Manche dieser Geister waren aber auch Spione, Mittelsmänner und –frauen – ausgesandt von benachbarten feindlichen Völkern und deren zerstörerischen Geistern.
Und dann gab es da noch die kleinen gequälten Seelen, die Tag und Nacht schreiend, weinend und klagend durch die Berge irrten und einen Platz suchten, wo sie sicher und geborgen sind und sich jemand liebevoll ihrer annimmt. Ihr Klagen war weit zu hören und raubte dem kleinen Volk oft den Schlaf. Es war dadurch noch schwerer, der täglichen Arbeit nachzugehen.
Das kleine Volk war, wie gesagt, eine kleine Gruppe von Menschen – Erwachsene und Kinder, Frauen und Männer. Es gab wie in jedem Volk Schwache und Starke, Ängstliche und Mutige, Vertrauende und Misstrauische, Kommunikative und Eigenbrötler. Sie lebten teilweise allein, teilweise aber auch in kleinen Gruppen zusammen. Zum Teil wohnten sie nah beieinander, teilweise aber auch so weit voneinander entfernt, dass der Eine den Anderen gar nicht kannte – ja nicht mal ahnte, dass es ihn gibt.
Das kleine Volk hatte sich seine Heimat nicht ausgesucht. Es wurde dort ausgesetzt und muss nun sehen, wie es damit zu Recht kommt. Und irgendwie ging das auch viele Jahre und Jahrzehnte halbwegs gut. Mit der Zeit hatten sich in dem kleinen Volk verschiedene Spezialisten entwickelt: Versorgende, Beschützer, Mütter und Väter für die Kleinen, Arbeiter, Verwalter, Bauern, Hirten, Heiler, Krieger, Fachleute für Geister usw.
Erschwerend für das kleine Volk kam hinzu, dass es immer wieder Erdbeben, Stürme, Überschwemmungen und andere Naturkatastrophen gab. Außerdem gab es auch öfter mal Krieg. Die Gefahren kamen zum Teil aus dem Land selbst – aber auch aus der Umgebung, z. B. durch feindliche und räuberische Nachbarvölker. Das sich das kleine Volk schon ganz weit ins Landesinnere zurückgezogen hatte, reichte scheinbar nicht.
Über viele Jahre und Jahrzehnte versuchte das kleine Volk irgendwie mit der schwierigen Situation allein zurecht zu kommen und möglichst wenig Kontakt nach außen zu halten; zumal sie ja die Erfahrung gemacht hatten, dass von außerhalb der Berge eh nichts Gutes zu erwarten war.
Nun waren also viele, viele Jahre ins Land gegangen. Viel war in den Bergen passiert – Gutes und Schlimmes – vieles hatte sich verändert. Auch außerhalb des Landes mit den hohen Bergen der Geheimnisse gab es Veränderungen. Einige alte, feindliche Nachbarstämme waren nicht mehr so nah oder waren ganz verschwunden, neue Nachbarn waren zugezogen. Manche der Änderungen hat das kleine Volk bemerkt, oder zumindest einige Teile des Volkes. Man hatte sich darauf eingestellt, hatte mit einigen der neuen Nachbarn freundschaftliche oder geschäftliche Kontakte aufgebaut. Einige der starken Erwachsenen verließen täglich das kleine bergige Land um in anderen Regionen Geld, Nahrungsmittel, Decken und anderes Wichtiges zu erarbeiten und zu besorgen - und natürlich auch Informationen einzuholen.
Eigentlich war das ja auch gut so, aber immer wieder kam es zu neuen, schweren Verletzungen und Enttäuschungen von außen und immer noch gab es Kriege und Naturkatastrophen im Landesinneren. Der größte Teil des kleinen Volkes wollte doch nur endlich in Frieden leben. Was konnte man tun? Brauchte man vielleicht doch Hilfe von außen?
Und dann passierte Folgendes: Einige der Mitglieder des kleinen Volkes (nennen wir sie mal „Die Hoffenden“) waren überzeugt davon, dass ein paar der neuen Nachbarn vielleicht doch vertrauenswürdig und gut sein könnten. Sie berichteten den Anderen von Expertinnen und Experten, die sich mit solchen Problemen wie den ihren auskannten und evtl. als Berater helfen könnten. Immer wieder sagten sie: „Lasst es uns doch mal versuchen. Diese und jene Situation spricht doch für diesen Nachbarn oder diese Expertin!“
Andere Mitglieder des kleinen Volkes schrieen laut: „Nein!! Das widerspricht unserer gesamten Lebenserfahrung! Jedes Mal, wenn wir Vertrauen hatten, dann wurde es enttäuscht und es ging uns hinterher schlechter als vorher. Das ist viel zu riskant. Wir kommen allein zurecht.“ Auch andere Argumente dagegen wurden genannt, z. B.: „Wir machen uns dadurch verletzbarer. Wir werden schwach und abhängig. Man wird uns nicht verstehen – uns auslachen – wegsperren.“
Wieder andere waren schon so resigniert und kraftlos, dass sie einfach nur noch ihre Ruhe haben wollten. Man sollte sie doch am besten sterben lassen.
Und dann gab es noch die Gruppe derer, die überhaupt kein Interesse an Änderungen hatten, da ihr Ziel die Zerstörung des Landes und der Umwelt war. Das waren die alten Mittelsmänner, die immer noch nicht gemerkt hatten, oder merken konnten, dass sie eigentlich schon lange selbst Mitglieder des kleinen Volkes waren und ihre alten „Auftraggeber“ keine uneingeschränkte Macht mehr über sie hatten.
Die Hoffnungsvollen bestanden aber weiter auf einen Versuch und auch viele Andere wollten, dass endlich mehr Ruhe einkehrt. Deshalb beschloss das Volk, alle erreichbaren Lebewesen des kleinen Volkes (Menschen, Tiere, Pflanzen, Geister, usw.) zu einem großen Tamtam zusammenzurufen und über das Problem zu diskutieren und einen Entschluss zu fassen. Ihr könnt Euch lebhaft vorstellen, was es bei der Versammlung erstmal für ein Chaos und Geschrei gab. Meinungen prallten aufeinander. Es gab viele Verletzungen und Tränen. Jeder wollte seine Meinung sagen und durchsetzen - es wurde geschrieen, angegriffen und beleidigt. Die Kinder und kleineren Wesen verkrümelten sich sofort in alle verfügbaren Ecken. Andere gingen verletzt und enttäuscht weg.
Endlich fand sich eine kleine Gruppe tatkräftiger Erwachsener, die für Ruhe und Ordnung sorgten, die Weggegangenen wieder einsammelten und für die Kinder und Schwächeren einen sicheren Ort einrichteten, von dem aus sie alles mitverfolgen und auch ihre Meinung einbringen konnten. Die kleine Gruppe schlug nun vor, erstmal eine Liste aller Bedenken und Wünsche zu machen – alle „Fürs“ und „Widers“ sollten gesammelt werden. Das gab eine riesengroße Liste. Es dauerte viele, viele Tage, Wochen und Monate, bis man sich einigen konnte. Letztendlich gab es drei Gruppen: Die erste Gruppe vertrat die Meinung: „Wir wollen es auf jeden Fall versuchen.“. Eine zweite Gruppe sagte: „Wir wollen es auch versuchen, verlangen aber definierte Bedingungen.“. Und die dritte Gruppe sagte ganz klar: „Wir wollen das auf keinen Fall.“.
Da die dritte Gruppe nur der kleinste Teil der Bevölkerung war, entschied man sich, erste Schritte zur Expertensuche zu machen. Aber wen nehmen wir? Was brauchen wir? Usw. usw.
Schon wieder so viele Fragen und Meinungen! Und weil man ja schon gute Erfahrungen mit den Listen gemacht hatte, wurden wieder alle Wünsche und Bedürfnisse aufgeschrieben. Soweit man sich nicht einigen konnte (es gab nämlich z. T. ausgesprochen gegensätzliche Bedürfnisse), wurden alle Bedürfnisse einfach nebeneinander notiert.
Als alle die, welche mitmachen wollten, ihre Meinung niedergelegt hatten, ging eine Delegation hinaus in die Welt, um eine geeigneten Expertin und Beraterin zu finden. Das war ein verdammt schwerer und langer Weg mit vielen Hindernissen, Enttäuschungen und Verletzungen. Immer wieder kam die Delegation nach Hause und konnte keine gute Nachricht bringen. Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit machten sich breit. Die, die ohnehin gegen das ganze Vorhaben waren, fühlten sich bestätigt und bekamen immer mehr Macht. Sie verkündeten an allen Ecken: „Wir haben es euch doch gesagt. Draußen ist es immer noch genauso schlimm wie früher – nur Gefahren und Schmerz. Nichts hat sich geändert und nichts wird sich ändern bis an das Ende der Welt .“ Und auch die kleine Gruppe der ehemaligen Mittelsmänner wurde immer stärker und begann noch mehr Schaden in den ohnehin geschundenen Bergen anzurichten.
Aber die kleine Delegation ließ sich nicht entmutigen oder einschüchtern. Immer wieder zogen sie aus und eines Tages – man glaubt es kaum – wurden sie fündig. Sie kamen freudestrahlend zu dem kleinen Volk in den hohen Bergen der Geheimnisse zurück, versammelten alle Lebewesen und berichteten stolz von ihrem Erfolg….
Erstmal war es totenstill – dann brach wieder Chaos aus. Da gab es lautes Jubilieren, angstvolles Bibbern, Flehen, das nicht zu tun, lautes Schimpfen und und und. Viele verschiedene Fragen wurden laut: „Was und wieviel erzählen wir von uns? Wie wird sie reagieren? Wird sie uns glauben? Wird sie uns auslachen oder schlimmer noch für verrückt erklären und einsperren? Wird sie vor uns erschrecken?“, fragten die Ängstlichen und Zweifler aus ihrer Erfahrung heraus. „Sie wird uns verstehen und annehmen wie wir sind. Sie wird uns glauben und uns helfen“, sagten die Hoffenden. „Spinnt ihr denn völlig! Ihr könnt uns doch nicht so einfach an DIE verraten!“, schrieen die Ängstlichen. „Na wartet! Euch werden wir die Suppe versalzen.“, riefen die absoluten Gegner der Aktion.
Dann war endlich der Tag des ersten Treffens mit der Beraterin gekommen. Einige Vertreter des kleinen Volkes gingen ins Büro der Expertin und setzten sich hin. Im Raum war es ganz mäuschenstill, aber hinter und um die Vertreter des kleinen Volkes tobte ein Orkan. Die Vertreter waren dadurch nahezu „Schach-Matt“-gesetzt. Die Expertin wusste nichts davon. Für sie sichtbar war nur ein Mensch, dem es scheinbar nicht gut ging.
Vielleicht ahnte sie die innere Not und Zerrissenheit - sie war ja schließlich erfahren. Was sie aber nicht ahnen konnte war, dass eigentlich ein kleines Volk vor ihr saß, in dem jeder Einzelne eigene Bedürfnisse, Ängste und Stärken hatte und wo sich die wesentlichsten Bedürfnisse und Wünsche an sie als Expertin teilweise sehr unterschieden oder sogar widersprachen.
Was konnte sie also tun? Sie spürt zunächst einmal in sich rein und fragt sich: „Fühlt es sich stimmig an, vorsichtig freundliche Hilfe und Verständnis und damit etwas Nähe anzubieten?“ Sie merke: „Irgendwo fühlt es sich richtig an“ (womit sie ja Recht hatte – einige Mitglieder des kleinen Volkes würden sich da sehr verstanden und angenommen fühlen). Dann spürt sie aber weiter und dachte: „Nein. Ein solches Angebot könnte Angst machen – zu nah sein.“ (und auch damit hatte sie Recht – wie wir, die wir die Vorgeschichte ja kennen, wissen).
Tja – und was nun???
Das kleine Volk war durch das scheinbare Abwarten und Nichtstun der Expertin zusätzlich verunsichert und schluckt erstmal schwer und enttäuscht. „Hätte SIE es nicht wissen müssen, was richtig ist?“
Zum Glück fanden Beraterin und Delegation nach den anfänglichen Schwierigkeiten doch noch zueinander, indem sie sich erstmal gegenseitig einen kleinen Vertrauensvorschuss gaben. Die Expertin akzeptiert dabei, dass der Mensch vor ihr Angst hat und noch nicht so viel sagen wollte und konnte. Und die Delegation des kleinen Volkes akzeptierte, dass die Expertin noch nicht „richtig reagieren konnte“, da sie noch gar nicht wissen konnte, was wirklich los war, da sie - das kleine Volk - ja noch nichts von sich erzählt hatten.
Nach einer Weile sagt ein Vertreter des kleinen Volkes: „Ich habe ein großes Problem und brauche ihre Hilfe. Ich haben viele schlechte Erfahrungen hinter mir und habe deshalb genau überlegt, welche Anforderungen ich an sie als Beraterin habe.“ Dabei legte die Delegation die gemeinsam vom kleinen Volk erarbeitete Anforderungsliste auf den Tisch.
Die Expertin war erstmal platt. So was hat sie ja noch nie erlebt! Einerseits fand sie es bewundernswert, dass da einer kam und so klar sagte, was er will und braucht. Eine bessere Vorraussetzung gab es doch gar nicht. Gleichzeitig bekam sie beim Lesen der Liste einen großen Schreck. Konnte sie die Anforderungen, die sich z. T. auch widersprachen, überhaupt erfüllen? Wenn sie ganz ehrlich war: Nein. Das konnte sie nicht. Vieles davon konnte sie, dass wusste sie. Vieles von der Liste würde sie gern können, wusste jedoch, dass es noch nicht so gut und so regelmäßig klappte, wie das eigentlich ihr Wunsch war und wie es auch notwendig wäre. Einiges könnte sie – dazu müsste der Ratsuchende (sie weiß ja wie gesagt nichts von dem kleinen Volk) aber Voraussetzungen mitbringen, die aber dem ersten Gefühl nach nicht da waren und die – stimmte ihr Gefühl - nicht da sein konnten. Und außerdem gab es da einige Erwartungen, die sie ganz klar nicht erfüllen konnte oder wollte.
Nachdem sich die Expertin wieder gefasst hatte, sagte sie: „ Ich möchte ihnen gern helfen. Ich kenne Sie im Moment noch gar nicht – weiß nichts von Ihnen. Trotzdem habe ich das Gefühl, es könnte ein gemeinsamer Weg werden, der hart für uns beide wird. Wir werden viel Zeit brauchen, um uns kennen zu lernen und voneinander zu lernen. Ich muss von Ihnen lernen, wie Ihr inneres Land ist, welche Berge, Täler es hat, welche Stärken, Schwächen und Gefahren es gibt, wer in Ihrem Land lebt (Menschen, Tiere, Geister, Pflanzen) und wie dort das Leben gestaltet ist. Nur so kann ich Ihnen helfen. Sie können von mir lernen, wie andere Menschen in ähnlichen Situationen vorgehen, was es dazu braucht und wie man einige Fallgruben vermeidet. Ich kann Sie beraten – entscheiden und umsetzen müssen Sie selbst.“
Die Spannung wurde plötzlich immer spürbarer. Die Expertin sagte: „Sie haben mir eine tolle Anforderungsliste gegeben. Einiges davon ist klar – anderes müssen wir besprechen. Außerdem habe auch ich Anforderungen an Sie, wenn unser Unternehmen gelingen soll.“. Diesmal war die Delegation des kleinen Volkes platt. „Wo gibt es denn so was!!! Die spinnt wohl!!!“, wurden sofort innere Stimmen laut. Aber dann dachte das kleine Volk an seine eigenen Werte und Wünsche: Gleichberechtigung und Akzeptanz für alle. Offenheit und Ehrlichkeit. Nur zusagen, was sicher haltbar ist. Ein Mensch mit Stärken und Schwächen sein dürfen. Usw. usw.
Kurze Anmerkung der Autorin: Der Verständlichkeit halber mache ich jetzt einen kurzen Sprung im Zeitgeschehen. Die Delegation hatte im Verlauf des Gespräches den Mut und das Vertrauen aufbringen können, der Expertin zu sagen, wer und was sie wirklich waren (ein Volk) – ohne auf Details einzugehen. Man entschloss sich, einen gemeinsamen Versuch zu wagen. Man einigte sich, zuerst einmal die gegenseitigen Erwartungen anhand der mitgebrachten Liste zu klären - das Mögliche vom Unmöglichen und das unbedingt Erforderlich vom Wünschenswerten zu unterscheiden.
[Die Erwartungen auf der Liste sind die Summe aller Erwartungen der „Überlebenskünstler“, die mir in Vorbereitung des Vortages 2004 ihre individuellen Wünsche und Ängste gegenüber ihren Therapeutinnen mitteilten. Es sind also nicht die Anforderungen eines Menschen/eines kleinen Volkes, sondern die von mehreren. Ich habe sie im Folgenden vollständig aufgenommen, um jedem die Möglichkeiten zu geben, seine individuellen Erwartungen herauszufinden.]
Hier ist das Gesprächsprotokoll: (Die Anforderungen des kleinen Volkes stehen immer zuerst. Die Anmerkungen der Beraterin danach kursiv gedruckt)Sie soll jeden von uns in seiner Individualität annehmen und akzeptieren.
Sie muss alle Bewohner beim Namen kennen.
Sie muss mich, wie ich bin und mein Verhalten aushalten – auch wenn ich mich selbst oder andere Mitglieder des kleinen Volkes vor ihren Augen verletze.
Nein - Mich zu akzeptieren heißt nicht, mein Verhalten in allen Fällen zu akzeptieren.
Sie muss nicht alles richtig finden, was ich mache, sie darf aber nicht verurteilen.
Sie muss sich selbst akzeptieren, eigene Werte haben und die Werte von mir akzeptieren.
Sie soll uns sehen, ohne dass wir uns explizit zeigen müssen und uns wie wir sind annehmen.
Sie darf nicht wissen, wie es wirklich bei uns aussieht – höchstens einen ganz kleinen Teil. Deshalb soll sie nicht so viel fragen.
Sie muss jeden von uns erkennen, wenn er auftaucht und persönlich auf ihn eingehen - auch wenn er sich nicht konkret zu erkennen gibt.
Beraterin: Ich möchte euch akzeptieren, kann und will aber nur die Teile sehen und annehmen, die für mich sichtbar werden – die ihr mir zeigen wollt. Euer Wunsch und für mich nachvollziehbares Bedürfnis ist es, dass ihr in der Anonymität verborgen und geschützt bleibt. Dies schränkt allerdings auch die Möglichkeiten in der Therapie ein. Hätte ich die (nicht menschliche) Fähigkeit, in euch „hineinzusehen“, Dinge zu sehen und zu akzeptieren, die ihr nicht zeigen wollt oder könnt: Das wäre doch schrecklich für euch und für mich. Ich wäre kein Mensch mehr. Ich hätte plötzlich eine Macht über euch und eine unendliche Verantwortung, die ich gar nicht haben will und auch nicht tragen könnte. Und ihr wärt nicht mehr geschützt – wärt mir ohnmächtig ausgeliefert. Erkann also nur ein Kompromiss sein. Je offener ihr seid, desto mehr können wir in der gemeinsamen Arbeitberücksichtigen.
Ich habe den Anspruch, alle, die sich gezeigt haben, beim Namen zu kennen. Dieser Wunsch ist sehr legitim. Leider fällt es mir manchmal schwer, meinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Selbst bei Kolleginnen passiert es mir (wenn ich erschöpft oder müde bin), dass mir ein Name nicht einfällt. Manchmal verwechsle ich sogar den Namen meiner Töchter (ich glaube, dass ist ein Familienerbe).
Jemanden als Menschen (oder kleines Volk) zu akzeptieren, heißt für mich nicht, automatisch sein gesamtes Verhalten zu akzeptieren. Schmeißt meine kleine Tochter z. B. vor Wut mit Sachen um sich, dann akzeptiere ich ihr Verhalten nicht – auch wenn ich sie sehr liebe, als Menschen akzeptiere und ihren Ärger durchaus verstehen kann – zumal, wenn er gerechtfertigt ist.
Und noch etwas ist mir wichtig. Auch ich möchte als Mensch akzeptiert werden. Ich weiß und akzeptiere, dass ihr schlimme Erfahrungen und Enttäuschungen durch andere Menschen und Berater erlebt habt. Aber das, was bei anderen so war, muss bei mir nicht automatisch auch so sein. Ich möchte nicht in den allgemeinen „Thera-Topf“ geworfen und von vorn herein verurteilt werden. Da ich ein Mensch bin, benötige ich auch mir gegenüber die Einhaltung unserer wichtigsten menschlichen Beziehungsregel wie Freundlichkeit, Zuverlässigkeit und Akzeptanz im Sein.
Sie soll absolut ehrlich zu uns und zu sich sein.
Konflikte soll sie wertungsfrei ansprechen, gemeinsam die Ursachen suchen und jeder soll die Verantwortung für sein Tun übernehmen.
Eigene Schwächen und Ängste soll sie akzeptieren und ansprechen.
Nein – dann habe ich Angst, dass sie zu schwach ist und ich sie schonen muss.
Sie und ihre Gefühle sollen für mich spürbar sein.
Nein – gerade das macht mir Angst. Sie soll mich nicht mit ihren Gefühlen belasten, da die ja viel mit ihr zu tun haben, ich aber alles auf mich bezogen interpretieren würde.
Sie soll nicht so schnell verletzbar sein.
Sie soll zeigen, wenn sie betroffen ist.
Sie soll transparent, berechenbar, geradlinig und offen sein.
Sie soll nicht so viele Fragen stellen.
Sie soll bei Tests durch uns nicht eingeschnappt sein.
Beraterin: Ich sehe das Problem. Da gibt es den absolut normalen Wunsch nach Ehrlichkeit und Spürbarkeit als Mensch und damit das Zeigen als Mensch mit Stärken und Schwächen. Gleichzeitig gibt es den Wunsch, es möge einen ganz starken und guten Menschen geben, der helfen kann. Gäbe es ihn, dann würde das aber auch wieder viel Angst auslösen. Er wäre dann vielleicht viel stärker als ihr und damit übermächtig.
Es ist ein sehr schwieriger Balanceakt zwischen diesen Seiten und ich sehe nur einen Weg. Ich als Beraterin möchte ehrlich sein und meine Stärken und Schwächen benennen, soweit sie mir bewusst und relevant für eure Situation oder unsere Beziehung sind. Ich brauche dazu von euch die Akzeptanz, dass auch ich nur die persönlichen Dinge einbringen werde, die für mich ok sind – dass auch ich als beratender Mensch - ganz persönliche Bereiche habe und brauche. Und ich brauche von euch das Vertrauen, dass ich euch nicht mutwillig schaden oder hintergehen will. Und ich brauche euern Mut, euer Vertrauen und eure Akzeptanz, auftretende Störungen oder Irritationen anzusprechen und gemeinsam lösen zu wollen.
Transparenz, Berechenbarkeit, Offenheit und Geradlinigkeit sind mir auch sehr wichtig. Soweit es mir möglich und bewusst ist, werde ich sie geben. Von euch brauche ich dazu einen Vertrauensvorschuss und das Maß an Offenheit, welches euch möglich ist. Ich kann euer Volk und euer Land nur gut beraten und unterstützen, wenn ich die Chance habe, etwas über euch zu erfahren - euch kennen zu lernen. Ich muss nicht in jeden Winkel eures Landes schauen, nicht Jeden von euch kennen lernen und schon gar nicht irgendwelche Geheimnisse ans Tageslicht zerren. Was ich kennen lernen darf, dass entscheidet ihr. Ich brauche aber von euch aber das Einverständnis, Fragen stellen zu dürfen. Ob ihr sie beantwortet oder nicht, bleibt immer eure Entscheidung. Wichtig wäre es, wenn ihr nachfragt, wenn euch eine Frage von mir verunsichert oder Angst macht. Fragt einfach, warum ich das wissen will. Dann könnt ihr besser entscheiden, ob ihr antworten wollt oder nicht.
Sie soll mir absolut vertrauen, auch wenn ich ihr vieles nicht sagen kann und will.
Sie soll mir immer glauben.
Sie soll halten, was sie verspricht.
Sie darf in keinster Weise mein Vertrauen enttäuschen.
Beraterin: Vertrauen in dieser Situation kann nur ein Vertrauensvorschuss sein – und ihr wisst selbst, wie schwer das ist. Vertrauen ist kein Geschenk, es muss erarbeitet werden – von beiden Seiten. Vertrauen ist auch sehr schnell irritierbar – auf beiden Seiten. Alle Geheimnisse und Lügen sind eine große Belastung für das Vertrauen - auch wenn ich gut verstehen kann, dass ihr große Zweifel an die Vertrauenswürdigkeit eines Menschen habt. Eine gute Beraterin kann ihrer Klientel mehr Vertrauensvorschuss geben als umgekehrt – da sie weiß oder ahnt, wie erschüttert das Vertrauen auf der anderen Seite ist. Sie sollte auch ein Stück weit vertrauen können, wenn nicht alle Tatsachen klar sind. Und ich kann euch sagen, das ist manchmal verdammt schwer.
Trotz allem gibt es kein absolutes Vertrauen. Würdet ihr – das kleine Volk – euch auf eine Beraterin verlassen, welche alles glaubt? Ich glaube nicht. Ihr würdet denken: „Ist die blauäugig“ – und ihr hättet Recht! Jemand, der so uneingeschränktes Vertrauen in die Menschheit hat, der kein Gefühl für Gefahren und keinen Angst hat, der ist fern jeder Realität. Wie sollte er mit der z. T. schrecklichen Realität des kleinen Volkes zurechtkommen? Er würde schreiend wegrennen, wenn das kleine Volk von seinem Land und dessen Vergangenheit erzählt. Wie sollte ein absolut gutgläubiger Mensch mit den realen Gefahren in den hohen Bergen der Geheimnisse zurechtkommen und dann noch den Überblick behalten, um die richtigen Tipps zu geben?
Vertrauen ist ein langsam wachsendes und sehr irritierbares Pflänzchen zwischen zwei Menschen. Es braucht die liebevolle Fürsorge und Achtsamkeit beider Beziehungspartner, gerade am Anfang. Je größer das Pflänzchen wird, desto robuster und widerstandsfähiger wird es auch. Aber es braucht dauerhafte Pflege. Fehler bei der Pflege durch die beiden Beziehungspartner können und werden leider immer mal wieder passieren – und meist sind sie nicht böswillig. Deswegen muss das Pflänzchen noch lange nicht sterben. Man kann den Fehler gemeinsam erkennen, besprechen und für Abhilfe sorgen.
Und noch eins brauche ich von euch zum Thema „Vertrauen“, um hilfreich sein zu können. auch wenn ich nur wenig von euch weiß. Ich brauche eine weitgehende Ehrlichkeit und Offenheit, dass ihr - wenn existenziellen Krisen auftreten und das Land in großer Gefahr ist – es auch ehrlich sagt.
Sie soll mir liebevolle und freundliche Nähe geben.
Sie soll mir nicht zu nahe kommen, kein freundschaftliches Verhältnis zu mir haben.
Persönliches und Therapie sollen deutlich getrennt sein.
Beraterin: Oh ja! Ein Bekannter sagte mal seufzend zu mir: „Ja, ja. Der ewige Tanz zwischen Nähe und Distanz.“ und ich konnte gut verstehen, was er meinte. Jedes Individuum hat unterschiedliche Bedürfnisse nach Nähe und Distanz. Außerdem wechselt das Bedürfnis bei Jedem auch noch ständig über die Zeit, je nach aktueller Befindlichkeit. Wie soll das aber mit einem ganzen Volk klappen (auch wenn es ja nur ein „kleines Volk“ ist). Einige Kinder werden rufen: „Nimm uns in den Arm. Hab uns lieb! Spiel mit uns!“ Andere werden vor Angst wegrennen, wenn man sie nur ansieht. Einige erwachsene Spezialisten werden die professionelle Distanz und Rationalität bevorzugen. Und manche Einwohner des kleinen Berglandes werden permanent hin- und herschwanken zwischen ihren Wünschen und Ängsten. Und das ist ganz normal so, nach dem, was dem kleinen Volk schon so alles in der Vergangenheit passiert ist und z. T. auch noch in der Gegenwart passiert.
Ich denke, es ist ein permanenter Balanceakt zwischen Nähe und Distanz und es bedarf einer ständigen Wachsamkeit, Überprüfung und ggf. Anpassung der aktuellen Nähe und Distanz. Dies erfordert eine hohe Feinfühligkeit von der Beraterin und es wird nur klappen, wenn das kleine Volk sehr mithilftund von seiner Seite aus reagiert( z. B. indem es selbst ständig achtsam ist auf das, was sich gerade richtig anfühlt, und es anspricht, wenn etwas nicht stimmt).
Sie soll konfliktfähig und stark sein.
Sie soll mich als gleichberechtigt sehen, keine Macht oder Kontrolle ausüben.
Sie soll keine Suggestivfragen stellen.
Sie soll mehr wissen als ich über das, was mir hilft – sie hat es ja schließlich gelernt .
Ich bestimme das Beratungsziel. Sie muss das akzeptieren.
Sie muss konstruktiv diskutieren können und dabei nicht übermächtig werden.
Beraterin: Das ist ein heißes Thema, da es sofort um Macht und Ohnmacht geht. Deshalb werde ich erstmal ein bisschen therapeutische Erfahrungen und wissenschaftliche Erkenntnisse einstreuen.
Jede Beziehungssituation, insbesondere wenn mehrere Menschen beteiligt sind, ist wie eine dreiseitige Wippe. An deren Ecken sitzen „das Vertrauen“, „die Struktur“ und „der Prozess“. Zur Struktur gehören Rahmenbedingungen (z. B. Länge und Häufigkeit von Gesprächen), Verteilung von Kompetenz und Macht, Regeln und Ziele. Der Prozess ist einfach ausgedrückt das, was so nacheinander passiert (z. B. Kennenlernen -> gemeinsam Arbeiten - > Verabschieden). Er ist auf ein Ziel ausgerichtet (z. B. Anton will mit 5 anderen Kollegen rechtzeitig am Bahnhof sein, da sie pünktlich mit dem Zug zu einem Kongress fahren wollen). Alle drei Aspekte sind auf ihrer Wippe ständig in Bewegung und müssen von der Beraterin und der Gruppe in der Waage gehalten werden.
Ich mache mal zwei Beispiele:
1. Beispiel:
Anton, ein vielgereister Mann, mit zahlreichen Erfahrungen in Ägypten und entsprechenden Sprachkenntnissen befand sich mit vier anderen Kollegen in Ägypten. Alle wollten nach getaner Arbeit endlich nach Hause. Sie waren müde, verschwitzt und erschöpft. Sie befanden sich gerade auf dem Weg mit dem Taxi zum Flughafen. Plötzlich gab es einen Unfall. Es gab zwar keinen Personenschaden, aber das Taxi war hin. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, bis das Flugzeug nach Haus abheben sollte. Alle waren völlig durcheinander und orientierungslos. Anton und die Kollegen kannten sich nur dienstlich, also nicht so sehr gut. Es war zu spät die Frage „Wer kann was“ zu diskutieren. Was tun? Irgendeiner musste das Heft und damit die Verantwortung in die Hand nehmen und sagen, was als nächstes dran war - sonst würde Chaos ausbrechen und das Ziel (das Flugzeug) konnte nicht mehr erreicht werden. Anton bot sich als Leiter an – schließlich sprach er die Landessprache und kannte sich besser mit den Gegebenheiten vor Ort und ähnlichen chaotische Situationen aus als seine Kollegen. Er musste in dieser Situation schnell und klar Anweisungen und Verhaltensregeln ausgeben. Hierzu brauchte und hatte er ausreichend Wissen über die Situation aus ähnlichen „Katastrophen“. Die Kollegen in unserem Beispiel waren zunächst sehr verunsichert gewesen, waren nun aber froh, dass einer für Ordnung sorgte. Sie akzeptierten die Entscheidungen und fühlten sich sofort geborgen, geschützt und sicher geführt. Alle kamen rechtzeitig am Flughafen an. Das gemeinsame Ziel war somit erreicht.
Was lernen wir aus dieser Situation? Handelt es sich um eine kritische Situation und gibt es wenig Vertrauen und wenig automatische Regeln (vorgegebener Prozess) zwischen den Beteiligten, muss einer die Führung (Macht) übernehmen. Übernimmt eine Person diese Macht und das Entscheidungsrecht, muss das nicht zwangsläufig Ohnmacht auf der anderen Seite auslösen, sondern es kann auch ein Gefühl von Schutz und Geborgenheit entstehen. Mehr Macht ist verbunden mit mehr Verantwortung und erfordert mehr Wissen. Der Satz „Wissen ist Macht“ ist nicht so völlig verkehrt. Ob es auf der vorübergehend „machtärmeren“ Seite eher zu einem Gefühl von Ohnmacht oder einem Gefühl von Schutz/Halt/Geborgenheit kommt, ist davon abhängig, ob die Menschen auf der vorübergehend schwächeren Seite, das Vertrauen aufbringen können, dass der gerade Mächtigere sein Wissen und seine Kraft nicht gegen sie verwendet.
2. Beispiel: Anton war mit seinen besten Freunden in Ägypten im Urlaub. Sie wollen pünktlich mit dem Flieger nach Hause fliegen. Die Freunde kannten sich alle gut und vertrauen einander. Sie brauchten deshalb keine strenge Struktur. Es reichte aus, dass gemeinsame Ziel festzulegen. Wie jeder pünktlich zum Flieger kam (Prozess,) konnte dem Einzelnen überlassen werden. Man traf sich einfach pünktlich auf dem Flughafen. Das Manche schon 2 Stunden eher da waren und Andere erst nach dem zweiten Aufruf auftauchten, war egal. Das gemeinsame Ziel würde jedenfalls sicher erreicht werden. Und selbst wenn eine Autopanne dazwischen käme. Jeder der Freunde würde und könnte sich darauf verlassen, dass der Betroffene irgendwie einen Weg finden würde, rechtzeitig da zu sein - oder auch den Anderen eine Nachricht zukommen zu lassen, dass er nachkäme.
Was heißt das jetzt für die Beratung des kleinen Volkes? Da die Beraterin, also ich in diesem Fall, in der Regel über mehr Wissen zur Zielerreichung verfügt (was ja auch meine Aufgabe als ausgebildete Therapeutin ist) und das kleine Volk Ratsuchender ist, besteht von Anfang an ein nicht zu verhinderndes, für alle spürbares Machtgefälle. Das kleine Volk hat aus schlechter Erfahrung heraus wenig Vertrauen, kommt in einer Krisensituation und braucht schnelle und kompetente Hilfe. Es braucht eine Beraterin, die fest und sicher zupacken und helfen kann und nicht erst „monatelang rumeiert“ und diskutiert. Die Beraterin muss bereit sein, eine größere Verantwortung zu tragen, da sie der aktuell Wissendere über den Prozess ist. Dabei darf sie das kleine Volk aber nicht unterschätzen oder entmündigen. Ohne deren Wissen um die Situation vor Ort, deren Stärken und Erfahrungen kann sie gar nichts erreichen. Gelingt es uns – also euch (dem kleinen Volk) und mir - ein gutes, in Bewegung bleibendes Gleichgewicht zwischen Vertrauen, Struktur und Prozess aufrecht zu erhalten, wird bei uns allen das Pflänzchen „Vertrauen“ stetig wachsen, die zunächst wichtigen strukturellen Regelungen werden kreativen Lösungen weichen und der Prozess wird mit großer Wahrscheinlichkeit in die Zielgerade laufen.
Sie muss unsere und ihre Grenzen kennen und achten.
Sie muss ihre Grenzen wahren ohne uns zu verletzen oder auszuschließen.
Sie muss stark sein und eine große Toleranzbreite haben.
Sie soll achtsam und fürsorglich gegen sich und uns sein.
Sie soll erreichbar sein auch außerhalb der Beratungsstunden (z. B. Handy, persönliche Telefonnummer, Mail).
Beraterin: Auch hier treffen verschiedene, gut nachvollziehbare Bedürfnisse aufeinander. Einerseits der Wunsch, die Beraterin solle gut auf ihre Grenzen aufpassen, schließlich wollt ihr mich ja nicht völlig erschöpfen oder eine zu große Last sein – andererseits ist da auch eine große Angst vor Verletzung durch wegschicken, vernachlässigen oder nicht ernst genommen werden.
Ausgewiesene Grenzen sind nicht immer einfach und ohne Verletzung zu akzeptieren – vor allem nicht für Menschen, für die Vernachlässigung und verlassen werden eine jahrelange Realität war. Aber für alle Menschen gilt gleichermaßen: Eigene Grenzen festzulegen und für deren Einhaltung durch Andere zu sorgen, geht nicht immer ohne Verletzung und Enttäuschung für den, der unabsichtlich oder absichtlich die Grenzen betritt oder übertritt.
Und auch hier ist wieder der Konflikt, einerseits eine starke, frustrationstolerante Beraterin zu brauchen und andererseits einen „echten“ Menschen aus Fleisch und Blut. Und auch in diesem Punkt geht es meiner Ansicht nur gemeinsam (s. o.).
Sie soll kompetent sein in der Arbeit mit solchen „Krisengebieten“ und viel fachliches Wissen und praktische Erfahrungen haben.
Sie muss nicht alles kennen. Sie muss aber bereit sein, sich weiterzubilden und zu lernen.
Sie soll nicht an der Theorie hängen bleiben, sondern für individuelle und kreative Wege frei sein.
Sie soll Medikamenten gegenüber sehr kritisch sein.
Sie soll mit anderen Helfern und Beratern zusammenarbeiten .
Beraterin: Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Es ist nicht zwingend notwendig, schon vorher alles zu wissen oder für alles sofort eine Lösung zu haben. Eine Beraterin sollte aber neugierig und lernfreudig sein und nie das Gefühl bekommen, sie wüsste schon alles.
Sie soll freundlich, liebevoll, ein- und mitfühlend - aber nicht zu gefühlsduselig, zu weich, zu schwach - sein.
Sie soll kreativ sein.
Sie soll geduldig sein, zuhören, uns aber auch deutlich auf unsere möglichen Verzögerungs- und Vermeidungsstrategien hinweisen.
Sie soll uns dann auch mal „in den Hintern treten“.
Sie soll keinen Druck machen.
Sie soll unsere eigenen Stärken sehen und fördern.
Sie
soll unterstützen, aber nicht tragen oder
entmündigen.
(Anmerkung der Autorin: Der Wunsch, getragen zu
werden und Verantwortung abzugeben, wurde von dem kleinen Volk aus
den hohen Bergen der Geheimnisse nicht genannt. Aus meiner täglichen
Arbeit weiß ich aber, dass es auch ihn – meist
unausgesprochen - bei einigen Ratsuchenden gibt.)
Sie soll unsere Ziele akzeptieren.
Beraterin: Zu den Zielen möchte ich gern noch was sagen. Es gibt End- und Zwischenziele. Jeder im kleinen Volk und auch die Beraterin dürfen und sollten eigene Vorstellungen über die Ziele haben (schließlich sind sie ja individuell). Es sollte aber immer klar und von möglichst allen akzeptiert sein, welche Ziele und in welcher Reihenfolge gemeinsam angesteuert werden sollten (in der Regel sind das Kompromisse aus allen Zielen – abgeglichen mit den realen Möglichkeiten). Sonst zieht jeder in eine andere Richtung.
Ziele können sich verändern oder angepasst werden. Sollten sich die Ziele nicht vereinbaren lassen (was ich in den meisten Fällen bezweifle), dann ist es legitim und richtig, die Beratungsbeziehung mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Dann stimmt meist etwas Anderes nicht.
Und noch kurz etwas zu dem „in den Hintern treten“. Das ist ein wenig liebevoller Umgang miteinander. Was ich allerdings auch für wichtig halte, ist, klar und deutlich zu sein, zu fordern, aber vor allem auch zu fördern.
Und dann sagte die Beraterin noch: „Einen wichtigen Wunsch hätte ich noch an euch.“. Die Delegation des kleinen Volkes aus den hohen Bergen der Geheimnisse stöhnte erschöpft auf. „Noch einen!!! Das konnte doch nicht wahr sein. Eigentlich wollten WIR doch nur UNSERE Wünsche anbringen.“. Aber dann dachten sie: „Was soll’s. Jetzt sind wir schon so weit. Und zumindest sind dann alle Erwartungen erstmal ausgesprochen.“. Die Beraterin grinste verständnisvoll und mindestens genauso erschöpft. Dann sagte sie: „Ich glaube, wir können unter den gegebenen Umständen nur erfolgreich sein, wenn ihr tief in eurem Herzen den Wunsch habt, zu wachsen, euch aktiv zu verändern, von alten Denk- und Verhaltensmustern abzuweichen und Neues auszuprobieren wollt. Sätze wie „Ich bin halt so“ verhindern alle Entwicklung.
Alles, was ich als wichtig ansehe und heute schon absehen kann, habe ich euch gesagt. Am wichtigsten ist mir aber, dass wir - soweit es geht - immer eng miteinander im Gespräch bleiben, permanent die gegenseitigen Erwartungen abgleichen und auftretende Störungen gemeinsam identifizieren und klären. Überlegt es euch in aller Ruhe, ob ihr das wirklich wollt, denn es wird ein schwerer Weg. Ich bin jedenfalls bereit, ihn mit euch zu gehen.“.
Und dann drückte man sich noch einmal zum Abschied die Hände und ging auseinander.
He!!!! Wo bleibt der
Sonnenuntergang!?!?! Die schmachtende Musik !?!?!
